Erzählt und geschrieben von Petra Garcia Slamal (NIFA plus-Beraterin der eva in Stuttgart):
Frau O. ist eine bemerkenswerte junge Frau aus Nigeria. Sie kam 2021 nach Deutschland und stand vor gewaltigen Herausforderungen. Da war zunächst ein Asylverfahren als Opfer von Menschenhandel, das wider Erwarten am Ende zu einer Ablehnung ihres Asylgesuchs führte. Hinzu kamen die Dämonen aus Frau O.'s Vergangenheit, die sie nicht so einfach abschütteln konnte und die ihr regelmäßig den Boden unter den Füßen wegzogen. Und, zu allerletzt, die Tatsache, dass ihre inzwischen 12-jährige Tochter in Nigeria darauf wartet, von ihr nachgeholt zu werden.
Vor diesem komplexen Hintergrund hat Frau O. dank Ihrer eigenen Entschlossenheit und durch die fachliche Unterstützung von NIFA plus-Mitarbeiterinnen ihren Weg in die berufliche Integration gefunden.
Hintergrund und Herausforderungen
Im EVA-Magazin Schatten und Licht Ausgabe 3 /2023 hatte man bereits einmal von Frau O.'s schicksalhaften ersten Jahren in Italien und Deutschland berichtet. Als Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution war sie schon sehr jung nach Europa gebracht worden und musste viele Jahre in Italien für ein grauenvolles Netzwerk arbeiten. Eine frühe Schwangerschaft und das Verbringen ihrer kleinen Tochter nach Nigeria wurden, neben psychischer und körperlicher Gewalt, als Druckmittel eingesetzt, zu bleiben. Und dennoch schaffte sie im Jahr 2021 die Flucht aus Italien nach Deutschland.
Was mitreiste, war die Traumatisierung, die die vielen schrecklichen Jahre in ihr verursacht haben.
Hier in Stuttgart erhielt sie Unterstützung: An die Psychologische Beratungsstelle für Überlebende traumatischer Gewalt der Ev. Gesellschaft Stuttgart und an das Fraueninformationszentrum Stuttgart (FiZ) wurde sie durch ihren Sozialdienst in der Gemeinschaftsunterkunft angebunden, in der sie zunächst wohnte. Und auch den Kontakt zu NIFA plus stellte dieselbe Sozialarbeiterin später her. Denn es war bald klar, dass eine langfristige Aufenthaltssicherung, ebenso wie eine Zukunft mit ihrer Tochter in Deutschland, nur über einen baldigen Zugang zum Arbeitsmarkt möglich sein würde. Die netzwerkartige Zusammenarbeit aller Beteiligten half ihr, erste Schritte zu unternehmen, um ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Die individuelle Begleitung gab ihr in schweren Momenten die psychische Stärke, sich auf ihre (berufliche) Zukunft zu konzentrieren.
Unterstützung durch NIFA Plus
Trotz der schwierigen Ausgangssituation war Frau O. entschlossen, sich ein neues Leben in Deutschland aufzubauen. Sie wurde durch das ibz-Projekt Women´s Voice an Jasmin Hartmann von NIFA plus vermittelt und anfangs auch begleitet. Es war der erklärte Plan, ihren Aufenthalt durch die Aufnahme einer Ausbildung zu sichern. Jasmin Hartmann unterstützte sie fortan intensiv und aktiv bei diesem Vorhaben.
Die ersten Schritte waren nicht leicht, da Frau O. keinen Schulabschluss und zunächst nur geringe Deutschkenntnisse hatte. Jasmin Hartmann half ihr, diese Hürden zu überwinden, um ihren Wunsch nach einer Ausbildung zur Pflegefachkraft zu erfüllen. Durch die gute Zusammenarbeit mit der Leitung des Pflegeheimes erhielt Frau O. dann die Chance, ihre Wunschausbildung zu beginnen. Das Heim bestätigte ihr schriftlich, dass sie nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung zur Altenpflegehelferin auch die weiterführende Ausbildung zur Altenpflegefachfrau dort absolvieren könne. Mit dieser Voraussetzung konnte Jasmin Hartmann sie dabei unterstützen, eine Ausbildungsduldung zu beantragen und damit den Aufenthalt während der Ausbildung zu sichern.
Persönliche Entwicklung und Ausblick
Zu Beginn der Unterstützung war Frau O. oft frustriert und verunsichert. Vieles musste erledigt und organisiert werden, und das oft nach schlaflosen Nächten. Mit der Zeit und der schrittweisen Wahrnehmung des eigenen Tuns wuchs ihr Selbstvertrauen. Sie begann, Pläne für die Zukunft zu schmieden und zeigte großen Tatendrang. Heute ist sie meistens voller Zuversicht, insbesondere bei dem Gedanken, ihre Tochter eines Tages wieder in die Arme schließen zu können.
Frau O. hatte tatsächlich große Freude an ihrer Arbeit im Pflegeheim und war dort wegen ihrer Guten Laune sehr geschätzt, brachte sie doch jederzeit positive Stimmung in das Leben der älteren BewohnerInnen. Ihre Deutschkenntnisse haben sich durch den täglichen Gebrauch signifikant verbessert, was ihr zusätzliche Unabhängigkeit und Selbstvertrauen gegeben hat.
Aus absolut nachvollziehbaren und ganz persönlichen Gründen hat sie nach erfolgreichem Abschluss der Pflegehelferausbildung zunächst aber auf die weiterführende Ausbildung zur Fachkraft verzichtet. Was die Zukunft diesbezüglich bringt, wird man sehen.
Glücklicherweise hat sie schnell eine unbefristete Anstellung, dieses Mal in der Krankenpflege im Marienhospital Stuttgart, gefunden. In der Abteilung Chirurgie hat man sich auf sie eingelassen und so konnte eine Aufenthaltserlaubnis nach § 19 d AufenthG beantragt werden; eine andere Option, ihre Zukunft in Deutschland durch Arbeit zu sichern. Ein Zimmer in einer WG mit Studenten hat sie inzwischen auch bezogen.
Frau O.'s Geschichte ist ein inspirierendes Beispiel für die Kraft der individuellen Entschlossenheit in Kombination mit der Bedeutung einer zielgerichteten Unterstützung zur richtigen Zeit.
Vor allem aber unterstreicht Frau O.'s Weg einmal mehr die Wirksamkeit von individuell begleitenden Prozessen, wie bei NIFA plus möglich, hier sogar in bester Kooperation mit weiteren interdisziplinären Unterstützer*innen. Die beeindruckende Entwicklung von einer jungen Frau ohne Schulabschluss und Deutschkenntnisse zu einer engagierten und kompetenten Auszubildenden und nun einer geschätzten Mitarbeiterin in der medizinischen Krankenpflege zeigt, dass mit der richtigen Hilfe und mutigem persönlichem Einsatz selbst die schwierigsten Herausforderungen gemeistert werden können.
Frau O.'s positiver Blick in die Zukunft und ihre Hoffnung, irgendwann wirklich wieder mit ihrer Tochter vereint zu sein, treiben sie aktuell täglich weiter an, taugen aber durchaus auch zu einem Vorbild für andere Menschen in ähnlich komplexen Situationen.
Und deshalb fungiert sie inzwischen als kompetentes „Role-Model“ bei NIFA Plus-Veranstaltungen der eva. Sie berichtet dort authentisch und sehr klar über ihre Erfahrungen in der Pflegeausbildung und beantwortet die Fragen anderer Interessierter.